Max Stern
Max Stern
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16. März 1931. Das Rote Kreuz in Niederstetten
Das „Rote Kreuz in Niederstetten.
() Niederstetten, 16. März. Unsere vor ein und einem halben Jahr gegründete Sanitätsabteilung vom „Roten Kreuz“ hatte am Sonntag ihre Prüfung zu bestehen, um ihre Aufnahmewürdigkeit als Sanitätskolonne in den Württ. Landesverband der freiwilligen Sanitätskolonnen zu beweisen. Zu diesem Ehrentag der jungen Kolonne waren viele Gäste erschienen. Vom Landesverband vom Roten Kreuz war Herr Inspektor Zorn von Stuttgart gekommen, ferner der Bezirksvorsitzende des Jagstkreises Herr Oberlehrer Köhler Gmünd, sehr gut vertreten war auch die Mutterkolonne Bad Mergentheim mit ihrem Führer Herrn Kaufmann Schell und dem prüfenden Arzt Herrn Dr. Sambeth, teils durch große Abteilungen, teils durch Abordnungen waren vertreten die Sanitätskolonnen Künzelsau, Oehringen, Ellwangen, Crailsheim, Heidenheim, Unterkochen und die neugegründete Sanitätsabteilung Weikersheim, außerdem hatten durch ihr persönliches Erscheinen die Herren Landrat Wöhrle-Gerabronn und Landrat Geisler-Mergentheim ihr Interesse bekundet. Vormittags um 10 Uhr nahm Herr Inspektor Zorn die fachliche und wirtschaftliche Prüfung der hiesigen Sanitätskolonne vor, welche zur besten Zufriedenheit ausfiel. Besonderes Lob spendete Herr Zorn den Uniformröcken, welche ganz und gar ein Produkt hiesiger Handwerksarbeit sind. Angefertigt sind die Röcke von den hiesigen Schneidermeistern, der Stoff ist Anfertigung der hiesigen Tuchmacherei J. Zink. Diese Tatsachen müssen aus Anlaß der Handwerkerwoche wohl hervorgehoben werden, Kurz vor zwei Uhr traten alle Sanitätskolonnen vor dem Rathaus an. Nach dem erfolgten Alarm fand man alle Sanitäter auf dem sehr glücklich gewählten Uebungsfeld an der neuen Wildentierbacherstraße. Da lagen denn Leicht- und Schwerverletzte recht erbarmungswürdig herum und die Sanitäter der hiesigen Kolonne nahmen sich ihrer an. Jeder Verletzte trug auf einem Zettel seine Wunden verzeichnet. Ein Sanitätsauto schaffte die Verwundeten nach der Streitberger'schen Dreschhalle, wo die theoretische Prüfung an Hand der Verwundungen und der geleisteten Hilfe stattfand. Herr Dr. Sambeth nahm die Prüfung vor. Wer dieser Prüfung in ihrer Sachlichkeit und Gründlichkeit beigewohnt hat, für den steht der Segen des „Roten Kreuzes“ außer Frage. Von den jungen Sanitätern wird wirklich weitgehendes Wissen auf dem Gebiete der ersten Hilfe verlangt. Jeder einzelne Fall wurde durchgegangen, auf Ursache und Wirkung geprüft, jeder Verband wurde besichtigt und Aufklärung darüber verlangt, warum gerade so u. nicht anders im ersten Augenblick gehandelt werden mußte. Erfreut war Herr Dr. Sambeth schon durch den schnellen Anmarsch, die Hilfsbereitschaft der Kolonne. Dann war bemerkenswert. daß die Hilfeleistung nicht übereilt erfolgte, sondern daß die Ausführung der Verbände sicher und ruhig erfolgte. Herr Dr. Sambeth stellte der jungen Kolonne ein sehr gutes Zeugnis aus. Herr Inspektor Zorn-Stuttgart erklärte namens des Präsidiums vom Württ. Landesverein vom „Roten Kreuz” auf Grund des glänzenden Ausfalls der heutigen Prüfung die hiesige Sanitätskolonne als in den Bezirk IV des Verbandes für aufgenommen. An die Prüfung schloß sich ein Marsch aller Sanitätskolonnen durch unsere Stadt unter Vorantritt der Stadtkapelle. Dann fand eine offizielle Feier im Postsaale statt, welche Herr Kolonnenführer Wild eröffnete. Den Reigen der Redner eröffnete Herr Bürgermeister Schroth, welcher für den Kolonnenführer das Wort ergriff und namens der Sanitätskolonne Niederstetten u. namens der Stadtgemeinde den Willkommgruß entbot. Dann galt es für die rege Förderung des Werdens der Kolonne zu danken. In erster Linie war es das Präsidium in Stuttgart, dann der eifrige Förderer der Sache, Herr Landrat Wöhrle, der unermüdliche Führer der Mutterkolonne Bad Mergentheim, Herr Schell, die hiesige Gemeinderat, der Kriegerverein und der Ortskrankenkasse Gerabronn, welchen dieser Dank zu Teil wurde. Besonderen Dank spendete Herr Bürgermeister Schroth auch dem Herrn Dr. Sambeth Bad Mergentheim und dem früheren Arzt der Kolonne, Herrn Dr. med. Spatz (jetzt in Bopfingen) und dem jetzigen Leiter Hrn. Dr. med. Dörr. Dann erinnerte Hr. Bürgermeister Schroth an die vielen Schwierigkeiten, welche im Wege des Aufbaues einer Sanitätskolonne liegen. Er hoffe, daß die Mitglieder ihr die Treue halten und neue Mitglieder werben. Im weiteren überbrachte Herr Bürgermeister Schroth die Grüße des Fürsten Albrecht zu Hohenlohe-Jagstberg und des Prinzen Friedrich von Hohenlohe, welche leider am Erscheinen verhindert waren. Auch Fürst Ernst zu Hohenlohe-Langenburg hatte brieflich sein Bedauern ausgedrückt, nicht erscheinen zu können. Der Bezirksvorstand vom „Roten Kreuz“, Herr Landrat Wöhrle, entbot seine Glückwünsche. Wenn er der neuen Sanitätskolonne wünsche, daß sie immer ihre Aufgabe erfüllen möge, denke er nicht an Krieg. Wer heute die Zeitungen liest, welche von Verkehrsunfällen, Erdbeben und sonstigen Naturereignissen in Fülle berichten, weiß, daß die Sanitätskolonnen einen weiten Wirkungskreis haben. Herr Inspektor Zorn erklärte, er werde in Stuttgart mit Freuden dem Präsidenten von dem schönen Erfolg der hiesigen Sanitätskolonne berichten. Herr Stadtrat Stern überbrachte dis Glückwünsche des Gemeinderats. Die Großtaten des Roten Kreuzes im Kriege werden der heutigen Generation zeitlebens unvergeßlich sein. Erfreulich sei der frische Zug zu friedlicher Tat, welcher heute das Rote Kreuz belebe. Was unsere jungen Leute in der Sanitätskolonne lernen, sei etwas Bleibendes, welches allen Menschen zu Gute komme und täglich im Leben geübt werden könne. Herr Bezirksvorsitzender Oberlehrer Köhler-Gmünd führte aus: „Wenn es so viele Glückwünsche gibt, muß wohl ein Fest gefeiert werden und das heutige Fest sei ein Familienfest, denn die Sanitätskolonne Bad Mergentheim habe durch ihre Tochterkolonne Niederstetten Familienzuwachs bekommen, welcher durch die Sanitätsabteilung Weikersheim bald weiterer Zuwachs folgen werde. Aber nicht nur in den Verband der Sanitätskolonnen soll die hiesige Kolonne aufgenommen werden, sondern auch in den Kreis und Geist der Kameradschaft. Er wünsche, daß auch die hiesige Kolonne diesen Geist pflegen möge. Herr Kolonnenführer Schell-Bad Mergentheim drückt die Freude seiner Kolonne über so guten Zuwachs aus und hofft, daß die Tochter der Mutter zur Ehre gereichen möge. Herr Dr. Sambeth kleidete seinen Glückwunsch in einen poetischen Vergleich. Das Samenkorn, welches hier vor längerer Zeit der Erde anvertraut worden sei, habe lange geschlummert. Erst als der richtige Gärtner gekommen sei, sei das Samenkorn erwacht u. zu einem schmucken Bäumchen gediehen. welches heute in das Eden, den Verband vom Roten Kreuz verpflanzt worden sei. Möge dieses Bäumchen im Boden der Nächstenliebe kräftig Wurzel fassen. Zum Schlusse dankte Herr Bürgermeister Schroth namens der Sanitätskolonne für alle Ehre des Tages. Hierauf schloß Hr. Bezirksvorsitzender Köhler-Gmünd das vom Geist der Kameradschaft und der Nächstenliebe getragene Bankett. Die Stadtkapelle hatte zwischen den Reden den Verlauf des Festes durch gut gespielte Musikstücke gehoben. Möge die hiesige Sanitätskolonne ihre Begeisterung für die gute Sache sich allezeit bewahren, nach dem Wahlspruch der Sanitätskolonnen vom Roten Kreuz: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!“Vaterlandsfreund, Nr. 63, 17. 3. 1931
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19. Februar 1931. Hunde- und Geflügelmarkt
() Niederstetten, 19. Febr. Der Geflügel- und Kleintierzuchtverein veranstaltete am Dienstag einen sehr gut besuchten Hunde- und Geflügelmarkt. Eine große Anzahl schöner Hunde, viele reinrassige Tauben, auch Kaninchen standen zum Verkauf und wurde viel gehandelt. Die Stadtkapelle spielte flotte Märsche. Ein Preisrichterkollegium begutachtete mit ernsten Mienen die vorgeführten Hunde. Der Prämierung folgte ein Hunderennen, es war also alles da. Die folgenden Preise wurden zuerkannt:
Jagdhunde: 1. Pr.: Ludwig Neubert, Neubronn; 2. Pr.: Johann Hachtel, Vorbachzimmern; 3. Pr.: Hermann Markert, Wildentierbach.
Dachshunde: 1. Pr.: Hermann Anton, Schrozberg, 2. Pr.: Johann Wagner, Neubronn, Johann Hahn, Oberstetten, Philipp Gerner, Herbsthausen.
Schafhunde: 2. Pr.: , Niederstetten, Alfred Benz, Niederstetten.
Rottweiler Rasse: 1. Pr.: Christian Dietrich, Hachtel.
Boxer: 2. Pr.: Friedrich Maier, Wiesenbach.
Schnauzer: 2. Pr.: Heinrich Pfannenkuch, Oberstetten, Hermann Gröner, Haagen, Heinrich Ruck, Niederstetten; 3, Pr.: Wilhelm Vogt, Wildentierbach, Adolf Kühlwein, Wildentierbach, Georg Schöller, Wildentierbach, Johann Albert, Rinderfeld, Johann Gleiter, Klopfhof, Alfons Wolf, Rot, Richard Krämer, Rot.
Spitzer: 1. Pr.: Karl Wild sr., Niederstetten; 2. Pr.: Friedrich Schürger, Wildentierbach, Max Stern, Niederstetten.
Pinscher: 3. Pr.: Josef Röder, Haagen, Johann Marquardt, Untereichenrot.
Foxterrier: Eugen Betz, Dörtel, Josef Mayer, Niederstetten, Josef Wunderlich, Rot.
Persische Windhunde: 2. Pr.: Erich Sieger, Niederstetten, für Aby, derselbe für Greenhonds-Teufele, Eug. Fexer, Niederstetten, für Greenhonds; 3. Pr.: Erich Sieger, Niederstetten, für Chayon.
Schottische Hirschhunde: 1. Pr.: Erich Sieger, Niederstetten, für Buskar; 3. Pr.: derselbe, für Banabe.Vaterlandsfreund, Nr. 32, 20. 2. 1931
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22. Juli 1932. Geschäftsanzeige Max Stern
(Vaterlandsfreund, Nr. 169, 22. 7. 1932)
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24. März 1930. Vortrag über "neuzeitliche Ernährung"
() Niederstetten, 24. März. Einen sehr interessanten Vortrag über „Neuzeitliche Ernährung“ bot gestern der Landw. Hausfrauenverein seiner Mitgliedschaft. Gehalten wurde der Vortrag von Frl. Hopfinger von der württ. Landwirtschaftskammer. Frau Stadttierarzt Eysser begrüßte die gut besuchte Versammlung und die Referentin und erteilte der letzteren das Wort. Mit Rücksicht darauf, daß die Presse in den letzten Jahren so viel von neuzeitlicher Ernährung gebracht hat, was durch zu große Fachlichkeit verhindert hat, dem Laien ein Bild zu geben, wie er sein Leben in Einklang mit der Forschung bringen kann, geben wir einen ausführlichen Bericht. Fräulein Hopfinger führte ungefähr aus: Es ist schwierig, das Wesen der neuzeitlichen Ernährung zu erfassen und auf die jeweiligen Verhältnisse einzustellen, weil nicht einmal bewiesen ist, daß sie durchaus richtig ist. Menschen, die sich unvermittelt auf Rohkost einstellen, sind erkrankt, Kranke dagegen sind gesundet. Die neuzeitliche Ernährung muß daher vom Standpunkt eines gesunden Ausgleichs im menschlichen Körper betrachtet werden. Was hat nun die alte Ernährungsweise angestrebt und was will die neue Ernährungsweise? Früher war gut und viel Essen die Hauptsache. Eiweiß, Fett, Stärke und Zucker waren die Hauptbestandteile der Nahrung. Wir brauchen das Eiweiß, es ist unersetzlich, deshalb brauchen wir auch immer Fleisch und Eier. Ebenso brauchen wir Fett, Zucker und Stärke, denn sie unterstützen den notwendigen Verbrennungsprozeß im Körper und erzeugen nicht nur Wärme, sondern auch Kraft. Diese Stoffe brauchen wir also alle, weil sie Wärme u. Kraft erzeugen. Sie kommen aus dem Tierreich. Man kann sich durch sie erhalten, aber erhalten und gesund erhalten sind zweierlei Dinge. Im Zuviel sind diese Stoffe schädlich und erzeugen Harnsäureüberschuß, welcher die Ursache vieler Krankheiten (Gicht, Ischias, Ausschläge) ist. Sie erzeugen viele chronische Krankheiten, deren Hauptursache die Aufnahme von zu viel tierischem Eiweiß ist. Die Aerzte verordnen dann eine Diät ohne Fleisch und ohne Kochsalz. Zu diesen Krankheiten gehört auch die chronische Verstopfung, an welcher viel mehr Leute kranken als bekannt ist. Deshalb werden auch 70 Prozent aller Krankheiten als Ernährungskrankheiten angesehen. Nun gibt es eine neue Richtung, welche sagt, „überhaupt kein tierisches Eiweiß und nur Rohkost“. Da aber der Mensch gekochte Kost gewohnt ist, erleidet er dadurch mitunter Schaden. Deshalb wäre eine zu plötzliche Umstellung falsch, es sei denn, man würde schon beim Kinde mit dieser Kost beginnen. Was strebt nun die neue Ernährungsweise an und was ist zur Gesunderhaltung nötig? Neben den zuerst genannten Aufbausubstanzen brauchen wir Gesunderhaltungsstoffe. Das sind zunächst die Vitamine. Auch in unserer bisherigen Kost waren sie enthalten, aber nicht in genügendem Maße. Beim Obstessen wird von der Frucht aufgesogene Sonnenkraft frei. Vitamin ist dann von der Frucht aufgesogene Sonnenkraft, welche im Körper wirksam wird. Erhaltungsstoffe kommen aus dem Tierreich, Gesundheitsstoffe aus dem Pflanzenreich. Dann sind die Basen zur Gesunderhaltung notwendig. Sie bringen mit, was die böse Harnsäure im Körper ausgleicht. Nach gutem Essen Obst, welches das zuviel zu sich genommene Eiweiß ausgleicht. Viel Obst und Gemüse sollen roh gegessen werden, denn die Vitamine gehen beim Kochen verloren. Das Gleiche trifft auf die Basen zu. Dann hat der Körper 16 Mineralbaustoffe, welche in bescheidener Menge im Körper sind, deren Fehlen oder Minderung aber schwere organische Störungen hervorrufen. Einige seien genannt. Das Fehlen des Jod ist Ursache des Cretinismus, während ein zuviel die Basedowsche Krankheit erzeugt und krankhafte Steigerung der geistigen Leistungen mit sich bringt. Eisen ist ein Grundstoff des Blutes. Fehlt Eisen, so kommt zu wenig Sauerstoff in den Körper, die Bleichsucht ist die Folge. Die Alten sagen, „Alles was in der Natur grün ist; wird im Körper rot. Also durch das Essen von vielem grünen Naturerzeugnis bekommt der Körper Eisen und das ist leichter verdaulich als jede Mixtur. Ein dritter Baustein des Körpers ist der Kalk. Fehlt der Kalk zum Beispiel dem Säugling, so leidet der Aufbau des Knochengerüstes und führt zur englischen Krankheit. Skrophulose u. a. Es heißt also — hie Erhaltungsstoffe — hie Gesundheitsstoffe. Müssen wir nun in unserer Ernährungsweise alles anders machen? Nein, denn wir haben auch bis jetzt schon vieles recht gemacht. Nur in einigen Dingen müssen wir bessern. Wir müssen mehr uns der vegetarischen Nahrung zuwenden. Der Apfel z. B. enthält Eisen und Sauerstoff (gegen Blutarmut und Asthma), Phosphor (ebenfalls eine Gegenwirkung gegen viele Krankheiten), Zellstoff, welcher der Körperreinigung dienlich ist. Pfarrer Kneipp sagte schon: „Sauerkraut, Aepfel und Rettige sind die Putzfrauen des Körpers. Die Birne enthält Kalk (zum Knochenbau), die Kirsche enthält blutbildendes, leichtverdauliches Pflanzeneiweiß. Die Traube enthält Basen (gegen Rheumatismus). Auch für den mäßigen Genuß von Alkohol (ausgenommen natürlich bei Kindern) wußte die Rednerin ein gutes Wörtlein zu sagen. Die Brombeere und Heidelbeere sind gut gegen Durchfall und alle Beeren wirken drüsenreinigend. Die Himbeere wirft besonders der Skropholose und Rachitis entgegen. Letzere Krankheiten, welche auf dem Mangel an Kalk beruhen, erfordern auch besonders viel Gemüse. Die Preiselbeere enthält Schwefel und ist gut gegen Blasen- und Nierenleiden. Die Wacholderbeere dient der Körperreinigung, Rhabarber wirkt gegen Rheumatismus. Ein altes Sprichwort sagt: „Wer sich an Wachholder, Sauerrampfer und Rettiche hält, bleibt frei von Krebs und eitrigen Geschwüren. Nüsse enthalten das feine Nervenöl, Eiweiß und Fett. Gemüse, Bohnen, Linsen u. Erbsen bringen dem Körper Eiweiß, Gurke und Rettich sind basenreich. Die Gurke ist durch Einreiben auch der Hauttätigkeit förderlich und war ein beliebtes Schönheitsmittel der alten Römerinnen. Nicht hoch genug einzuschätzen ist die Kartoffel. Sie bildet nebst Milch und Bauernbrot die Urkraft des Bauern. Sie ist leicht verdaulich, entleidet nie und enthält, wenn auch wenig, Eiweiß. Der Knoblauch ist ein gutes Mittel gegen Würmer und sonstige Parasiten des Körpers und wirkt förderlich auf den Stoffwechsel. Das hohe Alter mancher Balkanstämme wird auf den häufigen Genuß von Knoblauch zurückgeführt. Rotkraut ist gut für die Nieren. Dies trifft auch auf den Kürbis, die Sellerie und den Spargel zu. Sauerkraut (möglichst in rohem Zustand genossen, ferner nicht zu sauer einmachen, nicht zu oft kochen) enthält Milchsäure, welche der Darmtuberkulose entgegenwirkt. Zwiebel, roh wie Aepfel gegessen, reinigen Drüsen, sie enthalten Jod. Rettich enthält viele anregende und reinigende Stoffe, gelbe Rüben enthalten Vitamine. Tomaten sind basenreich. Spinat und alles Grüne sind besonders vitaminhaltig. In der Küche müssen die Gemüsesuppen vorgezogen werden, der Wert der Fleischsuppen wird überschätzt. Als Gewürze sollen mehr und mehr wieder wie früher Küchenkräuter angebaut werden. Gemüse müssen zur Erhaltung der Geschmacks- und Gesundheitsstoffe weniger abgewellt und mehr gedünstet werden. Als Essig soll nur reiner Most- oder Weinessig verwendet werden, keine Essenz. Kinder sollen bis zum 6. Lebensjahre wegen der damit verbundenen Reizzustände wenig Fleisch und keine Eier bekommen, dagegen viel Hauskäse, Rahm, Tomaten. Obst muß in viel größerer Vielseitigkeit in Küche und als Rohkost Verwendung finden. Dann sollen als wichtige Zusätze zur Kost Honig und Zucker (letzterer in brauner, unraffinierter Form) erwähnt sein. Grundsatz der Ernährung muß sein, daß das, was dem Körper durch raffinierte Ernährung verloren geht, durch Gemüse und Obst wieder ersetzt werden muß. Der ganze Vortrag fand durch klare, übersichtliche Darstellung und logischen Aufbau den einmütigen Beifall aller Damen. Frl. Hopfinger hat sich damit den großen Dank unseres Landw. Hausfrauenvereins erworben. Der Vortrag wurde durch eine Reihe schöner Lichtbilder unterstützt.
Vaterlandsfreund, Nr. 70, 25. 3. 1930
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27. Januar 1930. Bericht vom Vortrag Albert Sammt
() Niederstetten, 27. Jan. Gestern abend wiederholte Herr Bordingenieur Albert Sammt vom Zeppelinbau Friedrichshafen in der Turnhalle seinen Vortrag, über welchen wir bereits ausführlich berichtet haben. Eine glänzende Versammlung war zusammengekommen, um seinem Berichte zu lauschen, die Turnhalle war dicht gefüllt, mehr als 500 Personen waren zu zählen. Unser Ehrenbürger, Herr Fabrikant Wilhelm Bernheim aus St. Gallen, war eigens zu dieser Veranstaltung hierher gereist. Herr Stadtschultheiß Schroth begrüßte die Versammlung und verlieh dem Wunsche Ausdruck, daß sich dieser Abend im Verein mit Herrn Sammt und Hrn. Bernheim zu einem wahren Familienabend der großen Familie, der Bürgerschaft, gestalten möge. Dann begrüßte Herr Stadtschultheiß Schroth Herrn Albert Sammt. Beim Herbstfest habe dieser versprochen, Niederstetten zu überfliegen, er habe Wort gehalten. Er habe versprochen im Winter uns mit seinem Vortrag zu erfreuen, er habe wieder Wort gehalten. Diese Einlösung gegebenen Versprechens sei eines echten deutschen Mannes würdig. Deutsch seien auch die Taten, auf welche unser Landsmann stolz sein dürfe. Doch habe ihm sein Erfolg vor jedem Stolz und jeder Selbstüberhebung bewahrt. [?] an Herrn Wilhelm Bernheim richtete Herr Stadtschultheiß Schroth herzliche Worte der Begrüßung und dankte ihm für das Wohlwollen, welches er jederzeit seiner Heimatstadt bewiesen habe. Im weiteren Verlauf des Abends sprach noch Herr Max Stern. Er schilderte den Drang nach Beherrschung der Luft, welcher seit [Hunderten?] von Jahren der Menschheit inne wohne und [?] nun Wirklichkeit geworden sei. Weiter gab er seiner Freude Ausdruck, daß unser Ehrenbürger unsere Stadt nicht nur mit seinem Rat, sondern auch seiner Tat unterstütze. Als Vertreter der heimischen Presse freue er sich immer, wenn er von seinen Landsleuten Gutes und Schönes berichten dürfe. Im Schlußwort dankte Hr. Schultheiß Schroth dem Herrn Sammt für sein [herr?]lichen Vortrag. Der Männergesangverein unter der Leitung seines erprobten Dirigenten, Herrn Chormeister Fleckenstein-Mergentheim, verschönte den Abend durch [?] Gesänge. Mit dem Deutschlandlied schloß die schöne und erhebend verlaufene Veranstaltung.
[Einige Worte im Falz nicht entzifferbar]Vaterlandsfreund, Nr. 22, 28. 1. 1930
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3. Juni 1931. Silberne Hochzeit Ehepaar Max Stern und Rosie, geb. Landauer
* Niederstetten, 3. Juni. Herr Max Stern und seine Ehefrau Rosie, geb. Landauer, begehen heute das Fest der Silbernen Hochzeit. Herr Stern, schon seit Jahren Mitglied des Gemeinderats, hat sich um seine Vaterstadt schon mehrfach verdient gemacht, so erst in letzter Zeit durch die Bearbeitung des Heimatbuches der Stadtgemeinde Niederstetten. Als gewandter Journalist hat Herr Stern in der Zeitungswelt einen guten Namen. Nicht nur als streng sachlicher Berichterstatter, sondern auch als Verfasser interessanter Reisebeschreibungen ist Herr Stern mit der Presse schon seit 1898 aufs engste verwachsen. Mit seiner Heimatgemeinde, der zu dienen er immer in der selbstlosesten Weise bestrebt ist, gedenken mit uns viele unserer Leser seiner an seinem heutigen Familienfest.
Vaterlandsfreund, Nr. 127, 4. 6. 1931
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6. Oktober 1931. Fünfzigerfeier
() Niederstetten, 6. Okt. Einen schönen und gemütvollen Auftakt zu unserem Herbstfest bildete die am Samstag abend im Melber'schen Saale abgehaltene „Fünfzigerfeier“. Von weit und breit waren die „81er“ gekommen, um mit ihren hiesigen Altersgenossen einen Tag der freudigen Erinnerung zu begehen. Herr Schreinermeister Meider hielt die Begrüßungsrede. Ein junges Mädchen trug folgenden, von Herrn Max Stern den „Fünfzigern“ gewidmeten Prolog vor:
Meistens ist des Lebens Mitten
Mit den „Fünfzig“ überschritten.
Einen Tag sucht sich der Geist
Auszuruhen da zumeist.
Rück- und Ausblick will er halten
Was in unseres Lebens Walten
Gut war — war Erfolg gekrönt —
Was das Dasein uns verschönt.
Auch was uns im Leid erregt
Die Gedanken dann bewegt. —
Wie wir eint die Schulbank drückten —
Und wir dann ins Leben rückten.
Wie der Lehrling angefangen —
Die Gesellenzeit vergangen —
Bis nach altem, rechtem Brauch
Selbst wir wurden Meister auch.
(Und nach diesem Lebenslauf
Bauet jeder Stand sich auf).
Oder wie im Haufe drinnen
Schulte sich der Mädchen Sinnen,
Bis, nach Kindes Tanz und Spiel
Strebt ihr Sinn nach höh'rem Ziel.
Bis dann in den zarten Banden,
Wir uns in die Ehe fanden.
(Oder wie wir nach Belieben
Ledig und allein geblieben).
Die Gedanken gehen weiter —
Ehetage, ernst und heiter,
Treten ins Erinnern ein.
Und wir schaffen für ihr Glück,
Eh' wirs denken sind sie flügg.
Dann des Krieges Grauen — Beben,
Und des Nachkriegs schwer Erleben —
Alles will bedacht wohl sein
Stellen sich die Fünfzig ein.
Eines von den größten Uebeln
Aber ist allein zu grübeln.
Schöner ist's, dem Freund zu lauschen
Und Erinnerung auszutauschen.
Dazu, ferne Schwestern, Brüder
Luden euch zur Heimat wieder
Treue Freunde. — Eurem Kommen
Bieten herzlich wir Wilkommen.
Auch euch Freunden, die hier leben
Froher Willkomm sei gegeben.
Dieser Stunden froher Reigen
Soll uns allen innig zeigen,
Daß, wie in der Jugend Tagen,
Unsre Herzen einig schlagen.
Jugend laßt heraufbeschwören,
Von der Jugend laßt uns hören!
Was ihr trachtet — sprechet — treibt —
Laßt uns in die Augen schauen!
Hebt die Gläser, Männer, Frauen!
(Vorbachtäler gibt's ja noch)
Jahrgang Einundachtzig Hoch!Den Kernpunkt des Abends bildete ein vorzüglicher Vortrag des Herrn Bürgermeister Schroth über "Niederstetten in den letzten 50 Jahren". Herr Bürgermeister Schroth ging von der Bevölkerungsbewegung jener Zeit aus, deren zahlreiche Geburten er im Vergleich zu unserer Zeit stellte. Dann gab der Redner ein genaues Bild aller wichtigen Vorkommnisse seit jener Zeit. Neubauten, Straßen und Wasserbauten, Ueberschwemmungen, Weinjahre, gute und schlechte, Stadtschultheißenwahlen, Kriegszeiten, Wasserleitungsbau, Vereinsleben und viele andere im Leben der Stadt wichtige Ereignisse fanden Erwähnung. Kein Wunder, daß den alten Niederstettenern, welche zum Teil viele Jahrzehnte ihre Heimat ferngeblieben waren, das Herz in alter Liebe zur Heimat warm wurde. – Herr Schlossermeister Fischer verlas viele eingegangene Schreiben von "50ern", welche verhindert waren, zu kommen. Auch aus dem Ausland waren Kundgebungen von Heimattreue, zum Teil begleitet von wertvollen Geldgeschenken, eingelaufen. Ein musikalisches u. gesangliches Programm, sowie der gemeinschaftliche Gesang von Heimatliedern verschönte den Abend und schwer wurde den Teilnehmern das Auseinandergehen. Alle Teilnehmer aber werden den Samstag als schöne Erinnerung noch lange nicht vergessen.
Vaterlandsfreund, Nr. 234, 7. 10. 1931
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Bruno Stern in seiner Autobiographie (1985)
Ich kam gegen Abend [des 24. März 1933] aus Würzburg [in Niederstetten] an. Nach dem gemeinsamen Essen mit meinen Eltern machten wir alle drei noch einen Besuch bei Familie Neuburger, jüdischen Freunden, mit denen wir sehr gut standen. Während des Gesprächs bemerkte Frau Neuburger, daß mein Vater überaus nervös war, und fragte ihn offen: "Herr Stern, was ist mit Ihnen, warum sind Sie so unruhig?" Er gab aber nur zur Antwort, es sei nichts - und wir kümmerten uns nicht weiter darum. Es war noch nicht allzu spät, als wir uns auf den Heimweg begaben. Die Straßen lagen still im Dunkeln. Im Rathaus aber sahen wir Licht brennen. Wir wunderten uns darüber und überlegten, wer um diese Uhrzeit noch dort arbeiten könnte. Wenig später gingen wir schlafen
Am anderen Morgen ganz früh - es war Samstag, der 25. März - wurde ich durch den Lärm schwerer Lastwagen, die durch die Straßen rumpelten, und das Gröhlen antisemitischer Lieder geweckt. Gleich darauf klingelte es an unserer Tür. Wir hatten noch eine jener altmodischen Zugglocken, an denen man draußen zog, worauf oben im Treppenhaus die Glocke durch alle Räume tönte. - Vater kam an meine Tür: "Bruno, steh auf! Sie sind da!" Er brauchte mir nicht zu sagen, wer "sie" waren. Dann ging er hinunter, um zu öffnen. Herein traten zwei Sturmtruppführer der SA in ihren braunen Uniformen mit Pistolen im Gürtel und ein Mann von der Staatspolizei. Sie stiegen die Treppe hoch und erklärten uns, daß das Haus noch einmal1 durchsucht werden müßte nach Schußwaffen, staatsfeindlicher Literatur und sonstigen Unterlagen, die Deutschland schaden könnten. Einen Durchsuchungsbefehl hatten sie nicht vorzuweisen, auch kein anderes amtliches Ausweispapier - das war inzwischen nicht mehr nötig.2 Sie durchwühlten nun das Haus vom Keller bis zum Dachboden und sahen sogar in den Geldschrank des hinteren Ladenraumes. Aber entdecken konnten sie nichts. Erst als sie ins Wohnzimmer zurückkamen, fiel ihnen an der Wand ein Bild ins Auge, das Walther Rathenau darstellte, den jüdischen Staatsmann, der 1922 von Rechtsextremisten ermordet worden war. Sie nahmen das Gemälde herunter und forderten meinen Vater auf, sich fertig zu machen, um mit ihnen aufs Rathaus zu kommen. Dabei sahen sie auch zu mir herüber und flüsterten miteinander. Der Gestapo-Mann wies mich in einen Nebenraum, folgte mir nach und schloß die Tür hinter uns. Daraufhin nahm er seine Pistole heraus und richtete sie auf mich. Ich sah wie erstarrt auf den Lauf, der, nur ein paar Zentimeter entfernt, unverändert auf mich gerichtet blieb. Der Mann herrschte mich an: "Sie sind ein Kommunist! Geben sie’s zu!" Es klang wie ein Befehl. Was sollte ich darauf antworten? Ich war immer unpolitisch gewesen und niemals ein Kommunist, ja nicht einmal ein Sozialist. Auf die Pistolenmündung fixiert, versuchte ich, trotz des Aufruhrs in meinem Inneren, einen klaren Kopf zu behalten, und erklärte wahrheitsgemäß, daß ich weder Kommunist war, noch dem Kommunismus nahe stand, da ich einer studentischen Verbindung angehörte und diese bekanntlich keine sonderlich enge Freundschaft mit den Linken pflegten. Aus irgend einem Grund schien ihn das zufriedenzustellen. Er ging zurück ins Wohnzimmer. Mittlerweile war mein Vater ausgehbereit und folgte den beiden SA-Leuten und dem Gestapo-Mann zum Rathaus. Draußen schloß sich ihnen noch ein vierter Bewachungssoldat an, der so lange auf der Straße gewartet und das Haus "unter Kontrolle" gehalten hatte.
Es war nun etwa sechs Uhr morgens. Kurz vorher war der Bürgermeister von Niederstetten [Jakob Schroth] auf dem Weg zum Bahnhof durch unsere Straße gegangen (er fuhr an diesem Morgen zum Sitz der Kreisverwaltung). Wir fragten uns, nachdem wir davon erfuhren, ob er gewußt hatte, was bei uns vorging. Später sagte jemand, daß die lokalen Parteiführer ihn an diesem Tag absichtlich weggeschickt hätten. Auf den Straßen waren zu dieser Zeit keine Zivilpassanten unterwegs, auch sah niemand aus dem Fenster - wahrscheinlich aber standen viele hinter dem Vorhang, um alles zu beobachten, und mancher wird sich wohl gewundert haben, was die Nazis bei uns suchten. Nur SA-Leute liefen überall herum. Die meisten von ihnen waren für diese "Polizeiaktion" von außerhalb eingesetzt worden, kamen also aus anderen Ortschaften. Aber ab und zu konnte man auch ein bekanntes Gesicht unter ihnen entdecken.
Der Uhrzeiger rückte vorwärts. Mutter und ich mußten befürchten, daß die Gerüchte, die wir neuerdings immer öfter gehört hatten, doch der Wahrheit entsprachen. Was nur sollten wir machen? Zwei Häuser weiter wohnte der Tierarzt von Niederstetten, der im Ruf stand, dem rechten Flügel anzugehören [Hermann Eyßer, stv. Ortsgruppenleiter der NSDAP]. Mama konnte einfach nicht tatenlos warten. Wir beschlossen, daß sie durch Keller und Hintergärten den Nachbarn zu erreichen versuchen und ihn um Hilfe bitten sollte. Vielleicht würde er sogar im Rathaus vorsprechen? Gesagt, getan. Der Tierarzt hörte sich alles an und tröstete meine Mutter erst einmal: sie solle sich keine Sorgen machen, ihrem Mann würde schon nichts passieren. Zum Rathaus, das von SA-Leuten umringt war, konnte er nicht gehen. Niemand hätte das gekonnt.
So kam Mutter wieder heim, und wir warteten und warteten. Es waren die längsten Stunden unseres Lebens. Frieda [ ], unser christliches Hausmädchen, war bei uns. - Um 8.30 Uhr ungefähr kam Vater zurück, aber nur, um schnell eine Tasse Kaffee zu trinken. Er mußte gleich wieder weg. Auf die Frage meiner Mutter, ob man ihm etwas angetan hätte, antwortete er: "Nein." Dann stand er schon auf, ging langsam die Treppe hinunter und zurück ins Rathaus. Dort angekommen, traf er auf den Stufen zum Eingang Simon Kirchheimer, der das Gebäude gerade verließ und fragte: "Was tun Sie denn hier? Sie können doch nach Hause gehen!" In seiner Aufregung hatte mein Vater tatsächlich die Anweisungen falsch verstanden. Erleichtert schloß er sich nun Kirchheimer an, der sofort weiterfragte: "Haben Sie auch was abgekriegt?", worauf mein Vater nur mit einem Haggadah-Wort antwortete: "Dayenu" (Es war genug). Obwohl er selbst mißhandelt worden war, konnte Simon Kirchheimer nicht glauben, daß man Hand an Max Stern gelegt hatte.
Als Vater nun wieder zu Hause war, bat er Mutter, ihm beim Auskleiden behilflich zu sein. Er wollte sich etwas hinlegen, aber nicht in sein Bett - das stünde zu nahe am Fenster. Von draußen hörten wir abermals die vorbeirumpelnden Lastwagen und das Gröhlen der SA-Leute, diesmal verlor sich der Lärm in die entgegengesetzte Richtung: die Sturmtrupps zogen ab. Dann vernahm ich unterdrücktes Weinen aus dem Schlafzimmer. Mutter hatte entdeckt, daß Vater aufs grausamste geprügelt worden war. Sein Rücken zeigte nicht das kleinste Fleckchen heiler Haut mehr. Nach der Ankunft im Rathaus hatten sich mein Vater und zehn weitere Juden mit dem Gesicht zur Wand aufstellen und stillhalten müssen. Dann wurden sie, einer nach dem andern, aufgerufen und einzeln in einen Nebenraum kommandiert. Dort warf man meinem Vater alle Arten von erlogenen Anschuldigungen entgegen, zog ihm die Jacke aus, stopfte ihm ein Taschentuch in den Mund, damit er nicht schreien konnte, und befahl ihm, sich vornüber zu beugen, woraufhin vier Männer unbarmherzig mit Stahlpeitschen auf ihn einschlugen.
Es gibt keine Worte, unsere Gedanken und Empfindungen in diesem Moment zu beschreiben. Wären wir selbst durchgepeitscht worden, es hätte uns nicht mehr schmerzen können. Vater lag still auf der Liege, kein Wort der Anklage kam über seine Lippen, kein Wort des Schmerzes, kein einziges Wort... Wir beschlossen, Dr. Heller, unseren langjährigen Hausarzt, zu rufen. Einen jüdischen Arzt gab es nicht mehr in Niederstetten. Frau Heller war Leiterin der NS-Frauengruppe, weshalb wir anfangs Zweifel hegten, ob ihr Mann, da die Umstände sich derart zugespitzt hatten, noch in unsere Wohnung kommen würde. Aber er kam - und gab meinem Vater die bestmögliche ärztliche Behandlung. Meine Mutter fragte ihn: "Herr Doktor, warum nur haben sie meinen Mann so zugerichtet, gerade ihn, der nie jemandem etwas zuleide getan hat?" Der Arzt wußte nichts darauf zu sagen als: "Frau Stern, wir leben in einer hochpolitischen Zeit."
Als Dr. Heller uns verließ, war es etwa 9.30 Uhr. Mutter und ich überlegten, ob ich nicht in die Synagoge gehen sollte, erstens, um dem Gottesdienst beizuwohnen, und zweitens, um zu erfahren, wie es den anderen Gemeindemitgliedern ergangen war. Ich brach auf. Der Gottesdienst hatte noch nicht begonnen, auch waren noch nicht sehr viele Männer da. In der Mitte der Synagoge aber stand der siebenundsiebzigjährige Abraham Kirchheimer, ein tief religiöser Mann. Die Arme zum Himmel erhoben, rief er: "Gott, oh Gott, warum hast du uns verlassen?" Ich werde den Anblick niemals vergessen. Die verzweifelte Klage rührte allen Anwesenden ans Herz. Auch Kirchheimers Sohn, jener Simon Kirchheimer, den mein Vater vor dem Rathaus getroffen hatte, ein Veteran des Ersten Weltkriegs und ebenso guter Sohn wie selbst Familienvater, war ja geprügelt und mißhandelt worden - wie andere Mitglieder unserer Gemeinde. "Gott, oh Gott, wie kannst du das zulassen?" Eine Welt, eine gute Welt voller Nächstenliebe, Tradition, Hoffnung auf eine bessere Zukunft und Glaubensbereitschaft war an diesem Morgen erschüttert worden in der kleinen jüdischen Gemeinde von Niederstetten. Und die Erschütterung ging bis auf den Grund.
Das Dritte Reich hatte seinen triumphalen Einzug gehalten. Bis ans Ende meiner Tage wird mir der 25. März 1933 im Gedächtnis bleiben. Auch die christliche Bevölkerung war schockiert, nur wagte niemand etwas zu sagen oder der wilden Horde offen Widerstand zu leisten. Angst, Mißtrauen und Schweigen fielen wie ein dunkler Vorhang über das Städtchen und verließen es nicht mehr, bis das ganze Regime schließlich zusammenstürzte.
Niederstetten hatte eine von der Gemeinde angestellte Krankenschwester, eine Diakonissin der evangelischen Kirche [Emma Deininger]. Sie kam noch am Samstagnachmittag zu uns und sagte, daß Pastor Umfrid sie geschickt hätte, der herzlichen Anteil an unserem Schicksal nähme. Wenn sie oder er irgend etwas für uns tun könnten, sollten wir es sie nur wissen lassen. - In den folgenden Tagen führte ihr Weg sie noch öfter zu uns, und dank ihrer Mithilfe und Pflege wurde mein Vater bald wieder halbwegs gesund.
Bis zum Abend des traurigen Samstags wußte die ganze jüdische Gemeinde, was passiert war, und jeder kannte die Leidensgeschichte der betroffenen Männer, die aus unersichtlichen Gründen "ausgewählt" und so schrecklich mißhandelt worden waren. Zu denen, die man verschont hatte, gehörten übrigens die Kunden der Thomasschen Bäckerei.3
Mein Vater gab später zu, daß er vor der drohenden Aktion gewarnt worden war. Er hätte Niederstetten verlassen können, entschied sich aber zu bleiben und seine Gemeinde nicht im Stich zu lassen. Jene Frau Gerlinger, Inhaberin des Hotels zur Post, hatte ihn am Freitagnachmittag über die geplante Razzia informiert, weshalb Vater am Abend, als wir die Familie Neuburger besuchten, so nervös gewesen war. - Ein Jude aus Niederstetten hatte auf Frau Gerlingers Rat hin tatsächlich vom Freitag bis Sonntag im Hotel zur Post "gewohnt" und sich die ganze Zeit über in seinem Zimmer aufgehalten. Sie brachte ihm die Mahlzeiten und sorgte auch dafür, daß er sicher aus der Stadt entkommen konnte.
[Nach Niederstetten kamen Creglingen, Weikersheim und Bad Mergentheim an die Reihe.]
Inzwischen war - niemand wußte durch wen - die Meldung über die Brutalitäten bis zur Regierung in Stuttgart gedrungen, und dort erteilte man alsbald Befehl, die Aktion zu stoppen. Später wurde erzählt, daß die sofortige Beendigung des Massakers dem stellvertretenden Reichsstatthalter Dill4 zu verdanken war, der ursprünglich aus Niederstetten kam.
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1 Bereits vorher hatte es eine Hausdurchsuchung durch den Ortspolizisten Johannes Dodel gegeben, siehe: Stern, So war es, S. 44.
2 Die Durchsuchungsaktionen erfolgten auf Grund eines Erlasses des Polizeikommisars für das Land Württemberg vom 19. März 1933 über den Waffeinzug, veröffentlicht im Staatsanzeiger für Württemberg Nr. 65 vom 18. März 1933 (siehe Behr/Rupp, Vom Leben und Sterben, S. 184).
3 Fritz Thomas, Ortsgruppenleiter der NSDAP, war Bäcker.
4 Dr. jur. Gottlob Dill (1885-1968), Jurist, württembergischer Ministerialbeamter und SS-Oberführer.(Bruno Stern: So war es. Leben und Schicksal eines jüdischen Emigranten. Eine Autobiographie. Aus d. Engl. übers. von Ursula Michels-Wenz. Bearb. von Gerhard Taddey. Sigmaringen: Thorbecke 1985, S. 46-49)
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Dodel, Johannes
suche?q=dodel5. 12. 1899 - 26. 2. 1935
Ortspolizist, Polizeiwachtmeister
Bruno Stern erwähnt den Ortspolizisten Dodel in Zusammenhang mit einer Hausdurchsuchung in seinem Elternhaus: Am Tag von Bruno Sterns Geburtstags (17. 3.) erschien Dodel, "ein großer, gutaussehender Mann, der bei der Bewerbung um seinen jetzigen Posten meinen Vater einst um Hilfe gebeten hatte". Er zeigte Max Stern, Brunos Vater, einen "angeblichen Durchsuchungsbefehl". Ziel: Suche nach verbotener Literatur und "Überprüfung der Korrespondenz". Max Stern habe Dodel durchs Haus geführt. "Dieser machte Stichproben in den Geschäftsakten und Bücherregalen, später auch in den Wohnräumen." Gefunden wurde nichts. (S. 42)
Am "Samstag, 5. Mai 1934", starb Moritz Strauß, Metzger und Mitglied des Stadtrats, mit 87 Jahren. Die "Trauerfeier mit Beerdigung" sollte "am darauffolgenden Montag oder Dienstag" stattfinden. Die Trauergäste warteten lange vergeblich vor dem Trauerhaus auf den Leichenwagen, der gemeinsames Eigentum der drei Kirchengemeinden war, bis "der beauftragte Bauer" erschien und mitteilte, daß "die Räder des Wagens abmontiert" worden seien. (S. 71) "Allmählich sickerte auch durch, wer die Räder des Leichenwagens abmontiert hatte. Der Anführer war der Ortspolizist Dodel gewesen, und zwei Helfershelfer hatten sich ihm angeschlossen." (72)
Schreiben des Württ. Oberamts Gerabronn vom 4. März 1935 an die Ministerialabteilung für Bezirks- und Körperschaftsverwaltung, Stuttgart:
"Unter Bezugnahme auf die tel. Besprechung vom 22. 2. 1935 mit Herrn Oberreg.Rat Dr. Gerhardt.
Betreff: Einleitung eines Dienststrafverfahrens gegen Polizeiwachtmeister Dodel, Niederstetten. [...] Dodel hat sich am 26. Febr. 1935 mit seiner Dienstpistole erschossen."
(Staatsarchiv Ludwigsburg, E 180 VI Bü 99)"Erschossen aufgefunden. ai. Lauda, 7. März. Der Polizeihauptwachtmeister Model [!] wurde im Sitzungssaal des Rathauses im benachbarten württembergischen Niederstetten tot aufgefunden. Die nähere Untersuchung ergab, daß sich der Wachtmeister mit seinem Dienstrevolver selbst erschossen hat. Die Gründe, die den 36jährigen Mann in den Tod getrieben haben, sind bis zur Stunde noch unbekannt und unerklärlich. Model, der seit mehreren Jahren in Niederstetten bedienstet war, war ein beliebter Beamter. Er hinterläßt eine junge Witwe und ein Kind."
(Badische Presse, Karlsruhe, 8. 3. 1935)
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Stern, Justin
Geb. 3. 5. 1908 in Niederstetten
Student/kfm. Angest.
Wohnung am 30. 1 1933: Niederstetten und Uni Tübingen
Vater: Max Stern, geb. 15. 8. 1878
1 Kind
Auswanderung: 9. 6. 1933 nach Paris, 1936 Argentinien, 1945 New York
Adresse 1957: Justin Stern, 144 Audubon Ave., New York, USA
"Im März 1930 a. d. Aufbauoberschule i. Tauberbischofsheim, Reifeprüfung, ab SS 1930 bis 1933 Studium Jura in München u. Tübingen, Aufgabe aus rass. Gründen. 9. 6. 1933 n. Paris, hoffte dort s. Studium forzusetzen aus wirtschaftl. Gründen jedoch nicht möglich. Von 1936 n. Argentinien u. 1945 n. USA, jetzt kfm. Angestellter."Quelle: Erhebungen über die jüdischen Einzelschicksale in alphabetischer Folge der Wohnorte: Nellingen – Niederstetten, http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=1-465466-449 ff.
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Stern, Max
18. 5. 1878 Niederstetten - 10. 12. 1943 New York
Stadtrat
Verfasser des Niederstettener Heimatbuchs (Max Stern: Heimatbuch der Stadtgemeinde Niederstetten mit den Teilgemeinden Ermershausen und Sichertshausen. Knenlein, Niederstetten 1930)
Korrespondent für die Oberamtszeitung "Vaterlandsfreund". Seine Artikel gekennzeichnet durch "()"
Schrieb u. a. Artikel für "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden Württembergs" (siehe "Gemeindezeitung...", 1. 6. 1931: "geistvolle Beiträge in unserem Organ")
Zeitungs- und Zeitschriftenartikel
Am 25. März 1933 mißhandelt. Zu den Ereignissen ausführlich bei Bruno Stern: So war es. Leben und Schicksal eines jüdischen Emigranten. Eine Autobiographie. Aus d. Engl. übers. von Ursula Michels-Wenz. Bearb. von Gerhard Taddey. Sigmaringen: Thorbecke 1985, 46ff. (Forschungen aus Württembergisch Franken. Bd. 23)
Todesanzeige im Aufbau, New York, 17. 12. 1943
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Fellsalzerei- und trocknerei des Max Stern in Niederstetten, Qu. 1-89. Darin: 2 Lage- und 4 Baupläne von 1920-1921, koloriert
Staatsarchiv Ludwigsburg, F 168 Bü 549Rechtsbeschwerde des Weingärtners Karl Keim in Niederstetten wegen der Genehmigung der Fellsalzerei und Felltrocknerei des Max Stern daselbst, Qu. 1-12, 1921-1922.
Staatsarchiv Ludwigsburg, E 175 Bü 4180 (Digitalisate online zugänglich)
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Stern, Max
Geb. 18. 5. 1878 in Niederstetten
Kaufmann
Gemeinderat
Heirat: 1. 6. 1906 in Michelbach/Lücke
Gest. 10. 12. 1943 in New York
Ehefrau: Rosa geb. Landauer, geb. in Michelbach/Lücke 13. 6. 1878
Kinder:
Theodor, geb. 7. 4. 1907 in Niederstetten
Justin, 3. 5. 1908 in Niederstetten
Bruno, 17. 3. 1912 in Niederstetten
Auswanderung 28. 11. 1938 mit Ehefrau nach USA
Mitgliedschaften: Gesangverein und Turnverein
Adresse der Witwe 1964: 155 Aubudon Avenue, New York, N.Y.
"Herr Stern betrieb in Niederstetten in Geschäft in Häute, Leder u. Farbwaren. Das Jahreseinkommen wird mit ca. 4 - 5000.- RM angegeben.
Laut Schreiben des Bürgermeisteramts Niederstetten vom 4. 7. 1955 (/36) erhielt jedoch Max Stern schon vor 1933 und auch nachhher Unterstützungen seitens einer jüdischen Wohlfahrtsorganisation. Sein Einkommen war demnach gering."
Besitzer einer Warenhandlung (Essig, Colonialwaren und Felle.)
Verkauf am 6. 10. 1938 an Albert Kleinhanß, Sattlermeister in Niederstetten um 5.500 RM. Rückerstattung ist durch Vergleich 3. 8. 1950 erfolgt.
Wirtschaftliche Verhältnisse: ganz schlecht und darniederliegend.
"Herr Albert Kleinhanß, Sattlermeister hier, kann als Nachbar und Käufer der Gebäude, falls nötig, weitere Aussagen machen.
Max Stern war als kaufmännisch ausgebildeter u. intelligenter Mann eine allgemein geachtete und angesehene Persönlichkeit. Er bekleidete bis zur nationalsozialistischen Erhebung das Amt eines Gemeinderats der Stadt Niederstetten.
Sein Geschäft war mittlerenm Umfangs. Er verkaufte im Laden Essig, Petroleum, Benzin, Gewürze, Zigarren u. a., sodann hatte er eine Fellfalzerei im Hintergebäude eingerichtet. Ferner hat er sich auch schriftstellerisch bestätigt. Sein Verhältnis zu seinen Mitbürgern war gut.
Nach seiner Auswanderung nach New-York ist er im Jahre 1960 dort verstorben.
Die Witwe Stern lebt heute noch dort."Quelle: Erhebungen über die jüdischen Einzelschicksale in alphabetischer Folge der Wohnorte: Nellingen – Niederstetten, http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=1-465466-449 ff.
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Stern, Max, Veröffentlichungen
Zeitungsbeiträge:
Bericht über die am Samstag, den 18. Dezember, 12 Uhr, im Stammlokal abgehaltene Sitzung des "8"-Vereins. Aufgegabelt von J. Messer
In: Israelitisches Familienblatt. 6. 1903. Nr. 52. 24. 12. 1903. S. 2Slichoth [Gedicht]
In: Israelitisches Familienblatt 7. 1904. Nr. 36. 8. 9. 1904. S. 2Wie kann dem wirtschaftlichen Niedergang der Landjuden entgegengearbeitet werden?
In: Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands 5 (1914) H. 6/7, S. 172-183 (1. 6. 1914)Das Chewrahbuch der Chewrah-Kadischa der Gemeinde Niederstetten
In: Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs 13. 1928/29, 1. 10. 1928, S. 158-159Die jüdische Ehenot
In: Die Stimme. Jüdische Zeitung. Wien 2. 1929. H. 61, 28. 2. 1929, S. 5Hinein in die Synagoge! Ein Mahnwort aus unserem Leserkreise
In: Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden Württembergs, 16. 12. 1933 (zu finden auf www.alemannia-judaica.de)König Achaschverasch's Brautschau
In: Jüdische Bibliothek. Unterhaltung und Wissen. Beilage zu: Israelitisches Familienblatt. Berlin. 1935, Nr. 7, 14. 2. 1935Weitere, noch zu recherchierende Beiträge in: Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs. 1.1924/25 - 14.1937/38: Vollständiges Digitalisat in UB Frankfurt/M.
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Stern, Rosa geb. Landauer
Geb. 13. 6. 1878 in Michelbach/Lücke
Hausfrau
Heirat: 1. 6. 1906 in Michelbach/Lücke
Ehemann: Max Stern, Kaufmann, geb. 18. 5. 1878
Kinder:
Theodor, geb. 7. 4. 1907 in Niederstetten
Justin, geb. 3. 5. 1908 in Niederstetten
Bruno 17. 3. 1912 in Niederstetten
Auswanderung: 1938 USA
Um 1962 wohnhaft New YorkQuelle: Erhebungen über die jüdischen Einzelschicksale in alphabetischer Folge der Wohnorte: Nellingen – Niederstetten, http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=1-465466-456 ff.