Emil Kraushaar (1882-1949), Eisenbahnbeamter, Mitbegründer der NSDAP in Niederstetten und seit 1933 Niederstettener Ehrenbürger (?)

In seiner 1985 erschienenen Autobiographie "So war es. Leben und Schicksal eines jüdischen Emigranten" schreibt der 1912 in Niederstetten geborene Bruno Stern: "Um das Jahr 1930 kam ein Eisenbahnbeamter mit Namen Kraushaar nach Niederstetten. Er war bekannt als Mitglied der NSDAP und sorgte auch dafür, daß jeder es erfuhr." Kraushaar, so Stern, habe alles daran gesetzt, eine Ortsgruppe der NSDAP zu gründen. In diesem Zusammenhang habe es ein Treffen interessierter Bürger in der Bahnhofsgaststätte gegeben habe, an der auch sein Vater Max Stern als kritischer Debattenredner teilgenommen habe. "Einige Zeit später" sei Kraushaar Mitbegründer der NSDAP-Ortsgruppe von Niederstetten geworden. (S. 38)

In einem bisher unveröffentlichten maschinenschriftlichen Tätigkeitsbericht der NSDAP-Kreisleitung Gerabronn aus dem Jahr 1937 taucht Kraushaar zweimal auf: Im Frühjahr 1929 sei ein "SA-Trupp" in Wildentierbach und Oberstetten aufgestellt worden, der bereit im Sommer des gleichen Jahres "auf etwa 50 Mann angewachsen" sei. "Infolge ihrer grossen Zahl trennten sich die Parteigenossen von Wildentierbach und Oberstetten von der Ortsgruppe Blaufelden und bildeten eine eigene OG. [Ortsgruppe] Wildentierbach-Oberstetten. Diese Gründung erfolgte am 21. April 1929 durch den Pg. Kraushaar, einem Mitglied der OG. Blaufelden."

Beim Herbstfest 1933 in Niederstetten "wurde am Marktplatz der Horst-Wessel-Brunnen eingeweiht mit einer Ansprache von Kreisleiter Stümpfig und Pg. Kraushaar, dem ersten Ortsgruppenleiter von Niederstetten". "Hier [beim Herbstfest 1933] gab Bürgermeister Schroth bekannt, dass Gauleiter Murr zum Ehrenbürger der Stadt ernannt worden sei."

Ein erster Blick in Kraushaars Entnazifierzungsakte Anfang August 2021 ergab:

Emil Kraushaar, geb. 30. 5. 1882 in Stuttgart, 26. 8. 1928 Heirat mit Berta geb. von der Tann (Amerikanerin, in Washington geboren), gest. 3. 4. 1949 in Ludwigsburg, 1 Kind, geb. 10. 6. 1921, Jurist. Eintritt in die NSDAP am 22. 11. 1926.

Kraushaar ist krankheitshalber Anfang 1933 aus dem Beamtendienst ausgeschieden und hat danach wiederholt vergeblich versucht, in den Bahndienst zurückzukehren. In diesem Zusammenhang Schreiben seiner Frau an Rudolf Heß mit der Bitte um Unterstützung.

Die Familie hatte ein Haus in Ludwigsburg, Kraushaar war wiederholt versetzt worden, kam etwa 1928 nach Niederstetten und wurde 1930 nach Jagstfeld versetzt, nachdem die Bahnmeisterei in Niederstetten aufgelöst worden war.

Neben der Personalakte als Bahnbeamter (K 410 I, Bü 19377) werden im Staatsarchiv Ludwigsburg verschiedene Unterlagen zu seiner Entnazifizierung verwahrt: EL 902/15 Bü 12742, EL 903/6 Bü 974, EL 904/2 Nr 36966, EL 904/6 Nr 9555, EL 905/4 Bü 919-

Im Bundesarchiv existiert neben seiner Mitgliedskartei (NSDAP-Gaukartei | BArch R 9361-IX KARTEI / 23020963, Mitgliedsnummer 47.578) eine Akte (Signatur: R 9361 I/22118) im Bestand „Oberstes Parteigericht“. Inhaltlich geht es nach Auskunft des Bundesarchivs um eine Anklage gegen Kraushaar wegen Sittlichkeitsverbrechens und um den Ausschluss aus der SA.